Chronik meiner Leukämie – Rückblick und Ausblick
Das ist mein letzter Beitrag zu meiner Leukämie. Und es hat einen guten Grund, warum der kein schwarz-weißes Kriegsbild mehr trägt, sondern einen wunderschönen Ort zum Ankommen. Denn:
Ich habe es hinter mir. Bei meinem Ambulanztermin auf der Nachsorge im AKH am 16. Juni (auf den Tag genau 6 Monate nach meiner Transplantation!) habe ich meine Ärztin gefragt, wann denn die nächste Knochenmarksbiopsie fällig ist. Ihre Antwort: Das ist nicht mehr notwendig. Weil man seit etlichen Jahren sicher sagen kann: Wenn die erste Biopsie zeigt, dass keine eigenen Zellen mehr im Knochenmark und im Blut zu finden sind, sondern nur noch Spenderzellen, dann wird der Krebs nicht mehr wiederkommen.
Ich habe also tatsächlich meine Leukämie hinter mir. Sie wird nie wieder zurückkommen. Mir ist tatsächlich ein neues Leben geschenkt geworden. Ich kann gar nicht sagen, wie unendlich dankbar ich dafür bin. Krebs ist eine scheußliche Krankheit. Mein Krebs hat mich schon vor der Diagnose komplett kaputt gemacht, ich habe mich damals nur noch mit letzter Kraft durchs Leben geschleppt. Nie vergessen werde ich meinen letzten Nachtdienst, wo ich mir nur dachte: Oh Gott, hoffentlich überlebe ich das irgendwie und komme heil wieder nach Hause, ohne zusammen zu klappen. Noch in diesem Nachtdienst erhielt ich um 8 Uhr in der Früh den Anruf von meinem Hausarzt, dass mein Blutbild katastrophal schlecht ist und ich noch heute vorbeikommen soll.
Auch die Krebstherapie ist furchtbar. Niemals hätte ich mir vorstellen können, wie sterbenselend man sich fühlen kann, wäre ich nicht selber durch die ganzen Chemos durchgegangen. Aber das ist vorbei. Es liegt hinter mir. Und unter den Krebsbetroffenen bin ich ein doppeltes Glückskind: Erstens hatte ich nicht irgendeinen Krebs, sondern Leukämie. Und zweitens hatte ich nicht irgendeine Leukämie, sondern eine akute myeloische Leukämie (AML). Die ist unbehandelt zwar sehr aggressiv, daran stirbt man relativ schnell. Ich habe es am eigenen Leib erlebt, wie sehr mein Körper von Anfang Juli bis Ende September verfallen ist.
Aber:
Eine akute Leukämie ist gut behandelbar. Wenn man die ganzen Chemos und die Stammezellentransplantation hinter sich hat, dann hat man es geschafft. Dann ist der Krebs ein für alle Mal beseitigt. Anders als die meisten anderen Krebspatienten muss ich nicht viele Jahre warten, bis ich einigermaßen sicher sein kann, dass der Krebs nicht wiederkommt. Kein Hoffen und Bangen bei den Nachsorgeterminen. Was für ein Geschenk! Das einzige, kleine Restrisiko, das bis an mein Lebensende bleibt ist: Es kann in seltenen Fällen nach längerer Zeit zu einer chronischen Abstoßung kommen. Selbst wenn so etwas kommen sollte, wäre das zwar lästig, aber gut behandelbar.
Römer 8,28
Es gibt diesen unter Christen sehr bekannten Vers im Römerbrief:
„Das eine aber wissen wir: Wer Gott liebt, dem dient alles, was geschieht, zum Guten.“
Wenn ich mit Jesus gehe, dann wird Gott alles, was mir zustößt, zum Guten wenden. Heißt das, dass alles, was mir zustößt, gut und gottgewollt ist? Natürlich nicht. In meinen vier Hiob-Predigten habe ich das ausführlich erklärt. Das Versprechen Gottes ist folgendes:
Ja, wir leben in einer zerbrochenen Welt, in der jeder Mensch in irgendeiner Form von Leit, Not und Krankheit getroffen wird. Immer wieder, und oft genug völlig unverschuldet. Beispiel Leukämie: Das Risiko beträgt 4 von 100.000 Erwachsenen. Warum ein Mensch daran erkrankt und andere nicht, weiß man bis heute nicht. Den Chemikalien, die das Risiko deutlich erhöhen, war ich nie ausgesetzt. Dass ich Leukämie bekam war wie der berühmte Dachziegel auf den Kopf.
AML ist ein aggressiver Krebs, der schnell fortschreitet und an dem man potentiell trotz Chemo und allem sterben kann. Ich habe ihn nicht nur überlebt, sondern als tief veränderter Mensch überlebt. Viele Menschen, die schwere Krankheiten durchmachen, sagen, dass man danach um vieles dankbarer und bescheidender ist und die kleinen Dinge viel mehr wertschätzt. Ich war überrascht davon, wie sehr das bei mir der Fall ist. Aber es ist wohl so: Erst wenn einem so gut wie alles genommen wurde, kann man erkennen, wie wertvoll die vielen kleinen Dinge sind, die man bisher für selbstverständlich hielt. Wie schön es ist, wieder normal leben zu können. Selbständig und ohne Hilfe duschen und die Toilette aufsuchen zu können. Und so.
Dazu kamen aber noch tiefe Veränderungen in mir selbst, einfach so, als „Draufgabe“ und Liebesbeweis Gottes. Gott hat die letzte verbliebene tiefe Wunde aus meiner Kindheit geheilt. Die ist nicht mehr da. Einiges an schlechten Gewohnheiten, die darauf aufgebaut haben, muss ich trotzdem noch abtrainieren. Weil das Muster sind, die in meinem Gehirn tief verankert sind. Leid verändert tatsächlich die Verdrahtungen im Gehirn. Aber niemand ist dazu verdammt, dass das für immer so bleibt. Das Gehirn ist veränderbar. Ungesunde Gedankenbahnen können sich wieder zurückbilden. Aber das dauert, das geht nicht von heute auf morgen.
Körperlich bin ich noch lange nicht dort, wo ich vor dem Krebs war. Vorigen Sommer war meine Standard-Rennrad-Runde nach dem Nachtdienst 33km mit 28km/h Schnitt. Im Juli habe ich als bisherige Höchstleistung 25km geschafft, allerdings mit zwei längeren Pausen und einer Duchschnittsgeschwindigkeit von 14km/h. Mein Herz und mein Kreislauf schaffen noch nicht mehr. Das, was für mich vor dem Krebs sportlich normal war, ist jetzt eine andere Welt. Ich bin ein halbes Jahr sehr viel gelegen, das hat Spuren hinterlassen. Mein Immunsystem funktioniert wieder normal, muss sich aber erst langsam wieder neu aufbauen. Mein Abwehrsystem ist derzeit ungefähr so stark wie das eines ein acht Wochen alten Säuglings. Aber auch das wird wieder werden.
Gott hat mich an einen ganz wichtigen Bibelvers erinnert:
5. Mose 31,8: „Der HERR, er ist es, der vor dir herzieht; er selbst wird mit dir sein; er wird dich nicht aufgeben und dich nicht verlassen. Fürchte dich nicht und sei nicht niedergeschlagen!“
Das ist mein Konfirmationsvers, den mir mein damaliger Pfarrer in Hartberg, Gerhard Böhm, mitgegeben hat für mein Leben. Das war 1983. Seit ich mit Jesus gehe, also seit ich 19 bin, bedeutet mir dieser Vers viel. Und ausgerechnet jetzt, mit 56, wurde mir der im Rahmen eines Seelsorgegespräches von einer Person, die keine Ahnung haben konnte, wie wichtig dieser Bibelvers für mich ist, erneut zugesprochen.
Gott will mir damit sagen:
Ich bin jetzt frei, dass ich in mein ganz persönliches Land hineingehe, das Gott mir versprochen hat. Dass ich nach so vielen harten Zeiten nun endlich dort ankommen und darin leben kann. Wie dieses Land genau aussieht, das weiß ich noch nicht. Ich weiß auch nicht, was Gott mit mir noch vor hat und wofür er mich verwenden will. Aber das macht nichts. Jetzt gilt es einmal, wieder zu Kräften zu kommen damit ich wieder normal arbeiten gehen kann. Und dann werden wir weiter sehen.
Ich muss nichts mehr darstellen. Ich muss nichts mehr „sein“. Ich strebe nicht mehr nach „mehr“ und schon gar nicht nach „Höherem“. Es reicht mir völlig, dass ich bin, wer ich bin. Ein kleiner, bescheidener und ganz gewöhnlicher Mensch, an dem wenig Besonderes ist. Ich sage dann immer: Der einzige tolle Typ im Raum ist Jesus. Die wahre innere Freiheit besteht darin, eben nichts mehr sein oder darstellen oder erreichen zu müssen. Sondern einfach nur als Kind an der Hand von Jesus durchs Leben zu gehen und darüber zu staunen, was er aus meinem Leben macht. Es gibt nichts Größeres, Schöneres und Erfüllenderes.
Es tut so gut zu sehen, dass ich nicht mehr der Mensch bin, der ich vor meiner Krebserkrankung war. Ich sehe die Dinge anders als vorher. Ich kann damit anders umgehen als vorher. Und ich fühle mich dem, der ich eigentlich bin, so viel näher als vor meiner schweren Krankheit. Alles wird gut. Und an der Hand von Jesus ist das keine hohle Phrase.

