Chronik meiner Leukämie – Wenn die Seele am Ende ist
Anmerkung: Diesen Post habe ich etwa einen Monat nach meiner Entlassung aus dem AKH begonnen. Das Beitragsbild zeigt die Innenstadt von Dresden am Morgen nach dem verheerenden Bombenangriff in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945. Genau so habe ich mich damals gefühlt. Es ist das letzte Kriegsbild zu meiner Krebserkrankung. Heute, drei Monate später, geht es mir und meiner Seele um vieles besser.
Wittgenstein schrieb: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Er hat recht. Ich wollte ausführlich über meine Erfahrungen im AKH schreiben. Ich habe es aber nie geschafft. Es gibt Erfahrungen, die kann man nicht wirklich in Worte fassen. Oder will man gar nicht. Und ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ihr die alle im Detail wissen wollt.
Die Vorgeschichte
In Wirklichkeit war meine Seele schon nach meiner zweiten Chemo im Hanusch am Ende. Eine Chemotherapie an sich ist schon kein Spaß. Ihr Zweck ist es, dem Körper so viel Zellgift zuzuführen, dass der Krebs daran stirbt, aber nicht so viel, dass man selber daran stirbt. Das wäre einigermaßen auszuhalten gewesen. Es geht vorbei und macht mich ja trotzdem wieder gesund.
Allerdings gab es nach beiden Chemos Komplikationen. Zwei Mal hohes Fieber, weil ich mir irgendwelche Keime eingefangen hatte. Über 39° war immer super, denn dann bin ich in eine Art watteweiche Gleichgültigkeit verfallen. Blöderweise muss man dann aber Fiebersenker geben, weil das sonst den Körper zu sehr hernimmt. Dazu kamen einige andere sehr hässliche Erfahrungen. Nach meiner zweiten Chemo bin ich in ein so tiefes depressives Loch gefallen, wie ich es seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt hatte. Deshalb bin ich bei der dritten Chemo (Gott sei Dank nicht in die Vene sondern über Injektionen) nach vier Tagen aus dem Spital geflüchtet und hab mir die restlichen Spritzen ambulant geben lassen. So schön das Hanusch auch ist, aber nach der langen Zeit dort konnte ich kein Spital mehr von innen sehen.
Im AKH
Ich war ja vorbereitet. Drei Chemos. Die ersten beiden, um meine eigenen blutbildenden Stammzellen komplett zu zerstören – sonst werde ich den Krebs nicht los. Das wird „Konditionierung“ genannt. Dann die Transplantation. Die ist sehr unspektakulär, man bekommt die neuen Stammzellen über eine Infusion in die Vene. Sieht aus wie verdünntes Ketchup. Und zum Abschluss eine letzte Chemo, um eine Abstoßung der Spenderzellen zu verhindern. So weit so gut. Aber es kam anders als erwartet. Nicht die ersten beiden Chemos. Die waren gerade noch auszuhalten. Danach war ich echt froh, weil ich dachte, jetzt hätte ich das Schlimmste hinter mir. Das war leider ein Irrtum. Was mir in der Vorbereitung niemand sagte war, dass die allerletzte Chemo der wahre Hammer ist. Cyclophosphamid (hochgiftig) in 8-10 Mal höherer Dosierung als die Chemos zur Konditionierung. Margit war gerade auf Besuch als meine zweite Dosis angehängt wurde. Da plauderte ich noch ganz normal mit ihr. Als die Chemo nach eineinhalb Stunden drinnen war, war ich ein Wrack; selbst kleine Bewegungen strengten mich entsetzlich an. An Reden war nicht mehr zu denken.
Und dann war da mein scheußlicher Rückfall drei Tage nachdem ich heim kam. Es war so schlimm, dass mir meine Station riet, mit der Rettung in die Notaufnahme zu kommen. Gott sei Dank war es kein bakterieller Infekt. Sonst wäre ich wieder eine Woche im AKH gelegen um 3x täglich Antibiotika in die Vene zu bekommen. Ich hatte damals ja genau null eigene Abwehrkräfte. Gott sei Dank war es „nur“ ein Virusinfekt, sehr wahrscheinlich weil Anna als ich heimkam stark verkühlt war. Alle meine Fortschritte im AKH waren weg. Zwei Tage vor der Entlassung bin ich auf der Station noch eine halbe Stunde spazieren gegangen. Jetzt war ich wieder ein kompletter Pflegefall, ich konnte nichts für sich selber machen. Mir fehlen die Worte, um wiederzugeben, wie es mir innerlich ging. Auch für Margit war das kein Spaß. Als ich im Spital war, hatte sie es wesentlich leichter. Wie sehr das alles meiner Seele zugesetzt hat, ist mir erst Wochen später klar geworden. Ich war innerlich komplett abgestumpft und spürte gar nichts mehr.
Abschluss, Ende Mai, vier Monate nach meiner Entlassung:
Langsam besserte sich mein Zustand. Ende März hatte ich das Schlimmste hinter mir. Ende April kam dann dann ein echter Sprung vorwärts. Da war wieder so etwas wie Lebensenergie in meinem Körper spürbar. Wie lange hatte ich das in der Form schon nicht mehr erlebt! Das war der bisher schönste Fortschritt, er hat mir enorm viel Hoffnung und Zuversicht geschenkt. War ich in den ersten Wochen nach der Entlassung noch mit der Rettung und auf der Trage liegend zu meinen Kontrollterminen ins AKH geführt worden, ging ich Ende Mai zu Fuß vom Haupteingang bis ganz nach hinten auf meine Ambulanz. Was für ein Unterschied in so kurzer Zeit! Ich bin unendlich dankbar, dass meine Erholung von dem ganzen Irrsinn, den ich hinter mir habe, mit dem Frühling zusammenfiel. Es tut der Seele unendlich gut, wenn gleichzeitig alles rundherum grün wird und zu blühen beginnt.
Das Trauma
Im Rückblick war das Ausgeliefertsein während der Chemotherapien das Schlimmste für meine Seele. Blöderweise habe ich was das betrifft eine Vorgeschichte aus meiner Kindheit, das macht es nicht einfacher. Mein Problem bei meinen Chemos war: Im Zweifelsfall kam es immer noch schlimmer, so wie in dem alten jüdischen Witz, wo ein Mann nach einer Katastrophe eine Stimme vom Himmel hört, die zu ihm sagt: „Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen.“ Also lächelte er und war froh, und es kam schlimmer. Da bin ich mehrmals durch. Und das ist eine mörderische Tortur für die Seele. Eigentlich habe ich einen fast unverwüstlichen Humor und Optimismus. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Die Krebstherapie war nach meinem schweren Burnout vor 18 Jahren das zweite Mal, wo mir beides zeitweise verloren ging.
Gott sei Dank war das aber nicht der Endpunkt.
Wenn ich zurückschaue, ruhen diese ganzen furchtbaren Erlebnisse mittlerweile in Frieden. Es war eine der übelsten Erfahrungen meines Lebens, aber sie triggern mich nicht mehr. Ich habe sie nicht unter dem Teppich verdrängt. Was ich spüre ist, dass ich einen gesunden Abstand dazu habe. Sie haben keine Macht mehr über meine Seele. Und das ist das, was man sich nach so einem Tränental nur wünschen kann. Wie es dazu kam und wie es mir heute geht folgt demnächst.

