Am 02. August wurde ich von einer Person kontaktiert, die meine Telefonnummer über drei Ecken (es waren wirklich drei!) bekommen hatte. Sie hatte die selbe Diagnose wie ich: AML. Ihr ging es nicht gut, sie hatte einen härteren Weg hinter sich als ich. Erst glaubten die Ärzte, es geht ohne Transplantation. Dann mussten sie feststellen, dass die doch notwendig ist. Also nochmals zwei Zyklen Chemo, um den Krebs runterzudrücken. Es war alles schwierig. Die Person hatte Angst vor der Transplantation, wollte sie eigentlich nicht, und kam dann auf mich zu, um sich mit jemandem auszutauschen, der das schon hinter sich hatte.
Ich war sehr dankbar dafür, dass ich für sie da sein konnte. Wir haben nur 2x telefoniert, da telefonieren für sie in ihrem Zustand sehr anstrengend war. Was ich gut verstehe, ich war ja auch dort. Also haben wir uns über Whatsapp und Sprachnachrichten ausgetauscht. Ich habe mich so gefreut, dass sie letztlich doch mit Hoffnung und Zuversicht in die Transplantation reinging. Die fand am 01. Oktober statt. Am Montag, 06. Oktober bekam ich die Info, dass sie am Tag davor auf die Intensivstation gekommen war und es ihr sehr schlecht ging, weil die Chemo vor der Transplantation ihre Leber und ihre Nieren so stark geschädigt hatte. Die Nacht von Montag auf Dienstag habe ich für diese Person gebetet. Es kam zu keiner Besserung. Am Freitag, 10. Oktober wurden die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt. Die Schäden an Leber und Niere waren so schwer, dass es keinen Sinn hatte, sie künstlich am Leben zu halten.
Wie sehr ihr Tod mich getroffen hat, hat mich völlig kalt erwischt. Wir sind uns nie persönlich begegnet. Wir waren nur zwei Monate in Kontakt. Und trotzdem hat das gemeinsame Schicksal dazu geführt, dass wir uns innerlich sehr nahe waren. Es hat sich angefühlt, als ob wir im selben Schützengraben gesessen und durch die selbe Hölle marschiert sind, und sie direkt neben mir von einer Granate erwischt wurde. Und das, als die Schlacht eigentlich schon fast vorbei war. Ihr Tod hat eine ganze Kaskade von Emotionen in mir ausgelöst.
Zuerst einmal der Schmerz die Trauer darüber, dass sie gestorben war. Das war überraschend heftig. Aber dabei blieb es nicht. Der Tod dieser Person löste noch etwas viel Tieferes in mir aus: Er brachte den Horror, den meine Seele durchlitten hatte, neu ans Licht. Und diesmal im vollen Ausmaß. Das war eine neue Erfahrung für mich. Ich hatte nie die Zeit und Energie, mich dem zu stellen. Ich war so viele Monate damit beschäftigt, das alles einfach nur irgendwie zu überleben. Und es ging alles so rasend schnell: Am Freitag, 20. September 2024, erhielt ich meine Diagnose. Am Montag darauf rückte ich zur ersten Chemo ins Hanusch-Krankenhaus ein. Am Freitag, genau sieben Tage nach der Diagnose, ging es mit der ersten und intensiven Chemo los. BAM! Ich wurde fast von einem Tag auf den anderen aus meinem gesamten Leben rausgeschleudert und in ein Paralelluniversum katapultiert, in dem ich völlig ausgeliefert und fremdbestimmt war und in dem ich Dinge erlitten habe, die weit jenseits dessen liegen, was man eigentlich aushalten kann. Wie soll man da den eigenen Zustand reflektieren?
Mein Therapeut auf der Reha in Bad Sauerbrunn hat mir ein sehr schönes Bild dafür gegeben, was mit mir passiert ist: Der Krebs ist wie eine Bombe in mein Leben eingeschlagen und hat meinen ganzen Lebensweg, wie ich ihn bisher vor mir sah, zerstört. Der existiert nicht mehr. Die einzige Antwort darauf, die mich weiter bringt ist, zu akzeptieren, dass es so ist. Und zu lernen, dass sich damit aber ein neuer Lebensweg aufgetan hat, der durchaus auch seine guten und schönen Seiten hat. Und das ist das Verrückte an der ganzen Sache. Ich möchte nie wieder etwas so entsetzliches erleben wie meine Krebsbehandlung. Und gleichzeitig möchte ich aber nie mehr der Mensch sein, der ich vorher war. Hier das Bild dazu, das ich gezeichnet habe:

Nach dem Tod dieser Persopn habe ich auch das erste Mal, seit ich meine Diagnose bekam, meine Chancen recherchiert. Und die waren wirklich nicht gut. AML ist eine aggressive Form der Leukämie. Wie aggressiv, könnt ihr im FAZ-Artikel über den Tod der Kennedy-Enkelin Tatjana Schlossberg hier nachlesen. Nur 30% der Betroffenen überleben die nächsten 5 Jahre. Ich hatte die schlechtest mögliche Prognose. Selbst die Stammzellentransplantation überleben nur 50% der Patienten die nächsten 5 Jahre. 20% sterben gleich an der Chemotherapie, die restlichen 30% später an einer akuten Abstoßung oder weil der Krebs wiederkommt. Jetzt erst verstehe ich, warum eine alte Krankenschwester im Hanusch KH mich tief betroffen ansah und meinte, ich müsse jetzt sehr tapfer sein, als ich ihr meine Diagnose sagte. Ich bin so froh, dass ich meine Chancen nie recherchiert habe, so lange ich krank war. Das wäre wirklich keine gute Idee gewesen. Und ich bin meinen Ärztinnen und Ärzten unendlich dankbar dafür, dass sie mit mir immer nur über meine Chance, wieder ganz gesund zu werden, gesprochen haben. Und nie darüber, wie „groß“ diese Chance tatsächlich war.
Jetzt, einige Monate nach ihrem Tod, kann ich aus tiefstem Herzen sagen:
Ich bin nicht gestorben, sondern lebe,
um zu erzählen, was der HERR getan hat.
(nach Psalm 118,17)
In meinem Fall hat eigentlich die erste, intensive Chemo alles erledigt. Es kam zu einer kompletten Remission (Rückbildung) des Krebs unter die Nachweisgrenze. Alles weiter waren nur erhaltende Maßnahmen, damit der Krebs nicht wieder aufflammt. Vor der Transplantation meinte die Ärztin, mit der ich die Vorbesprechungen hatte, dass ich für die Transplantation 4-6 Wochen im Spital bleiben muss, um mich von den Strapazen zu erholen und dass 4 Wochen schon „ziemlich sportlich“ wären. Ich ging nach 3 ½ Wochen heim.
Gott ist mir im Zug meiner Wiederherstellung auf so tiefe Weise begegnet, wie ich es das letzte Mal bei meinem „Osterwunder“ 1997 erlebt habe. Es war eine Begegnung, nach der nichts mehr so war wie vorher. Gottes Kraft kam so intensiv über mich, dass ich zwei Tage brauchte, um zu verstehen, was da überhaupt passiert war. Ein dreiviertel Jahr später sehe ich, dass ich seit diesem Erlebnis das erste Mal in meinem Leben meinen inneren Frieden gefunden habe. Also wirklich. Ich bin noch immer ein ganz normaler Mensch. Ich bin nicht auf Wolke sieben der Wirklichkeit entschwebt (als Ex-Pastor natürlich mit Goldrand!). Aber unter meinem ganz normalen Alltag ist ein tiefer innerer Frieden eingekehrt, den ich noch nie in meinem Leben hatte. Dieses ganz, ganz tiefe Gefühl, mit sich und dem Leben im Reinen zu sein. Unglaublich.
Deshalb nehme ich mir auch kein Blatt mehr vor den Mund: Es gibt nur einen Gott, der so etwas bewirken und schenken kann. Es ist der Gott der Bibel, der sich uns in Jesus Christus gezeigt hat. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem „historischen Jesus“ und dem, wie ihn die Evangelien darstellen. Ich kenne die ganzen „natürlichen“ Erklärungsversuche für solche Erlebnisse und kann nur sagen: Nein, das waren keine Glückshormone, kein euphorisches Erlebnis, kein wasweißich. Ich bin kein Kind mehr, ich bin jetzt 56 und ich habe alles, was auf menschliche Weise möglich ist in diese Richtung, oft genug erlebt. Ich gehe jetzt seit 37 Jahren mit Jesus, ich kenne den Unterschied zwischen Menschlichem und Göttlichem. Das was ich erlebt habe, kann nur ein Gott bewirken, der unendlich viel größer ist als wir.
Heute bin ich voll tiefer Liebe und Dankbarkeit gegenüber diesem Gott, der ein völlig kaputtes Wrack, das sich als Teenager um ein Haar selber zerstört hätte, in den Menschen verwandeln konnte, der ich heute bin. Der sich selbst aus tiefstem Herzen mag und der heute von einer tiefen Dankbarkeit, Zufriedenheit und innerem Frieden getragen wird. Damit keine Missverständnisse entstehen: Nichts davon habe ich mir selbst zu verdanken. Dass ich heute so bin, wie ich bin, habe ich einzig und alleine der Tatsache zu verdanken, dass wir einen Gott haben, der jeden Menschen unendlich liebt und der alles dafür gegeben hat, uns aus unserer Zerbrochenheit zu befreien und uns ein völlig neues Leben und eine Lebensqualität schenken kann, die nur an seiner Hand möglich ist.
Blaise Pascal sagte, dass jeder Mensch in seiner Seele ein „Gott-förmiges Loch“ hat, das nur Gott ausfüllen kann. Erleben zu dürfen, dass Gott dieses Loch so sehr ausgefüllt hat wie es bei mir geschehen ist, ist das größte und tiefste Glück, das man als Mensch erleben kann. Nichts menschliches oder natürliches kann auch nur annähernd daran herankommen.

